DRACULA  II.   Untotgesagte leben länger                                    

Dr. Peter Marsden

 

 

 

Es ist ja inzwischen fast langweilig. Spätestens jedes zweite Jahr – immer im gleichen Monat Januar

 

– übertrifft sich die AG MUSICALity wieder selbst. Die diesjährige Aufführung aber stellte alles Bisherige in den Schatten. Die Aufführung war einfach genial.

 

Die kleine malerische Hafenstadt Whitby hoch oben an Englands Nordseeküste habe ich als sieben- bis fünfzehnjähriger Schüler unzählige Male besucht, lebte meine Familie doch Mitte des letzten Jahrhunderts kaum dreißig Kilometer südlich die Küste runter, im mondänen Badeort Scarborough. In Whitby hat man Eis geschleckt, fish and chips gefuttert, Eselreiten am Strand probiert – alles bis zum Abwinken. Schauriges habe ich allerdings dort – außer bei Geisterbahnfahrten – nicht erlebt. Alles eher harmlos. Dass dort soviel anderes, völlig Andersartiges los sein könnte – sowohl vor, als hinter der glatten gesellschaftlichen Kulisse – habe ich damals nie geahnt.  Letzte Woche Samstag habe ich aber ganz kräftig dazu gelernt.

 

An dieser hochdynamischen Produktion hätte Hollywood Urgestein Sam Goldwyn seine helle Freude gehabt, hatte der eigenwillige Regisseur doch als Rezept für einen absoluten Kinoknüller empfohlen: Man fange mit einen Erdbeben an und steigere dann die Spannung bis zu ihrem Höhepunkt. Hier in der Aula jedenfalls wurden alle Register gezogen, es wurde aus dem Vollen geschöpft.

 

Schon Shakespeare verstand, dramatische Spannung aus dem Zusammenprall diverser, am liebsten divergierender Elemente zu erzeugen, die sich jeweils aneinander reiben – ja, regelrecht entzünden. Was die vorliegende Variante des Dracula-Stoffs betrifft, wurde dem Publikum ein Potpourri, eine Gemengelage aus Grusel, Leidenschaft, Romantik, Genrebild, comedy und Stummfilm-Slapstick kredenzt. Man nehme ein wenig Faust, ein bisschen Zauberlehrling, etwas Rocky Horror Show, ein Quentchen „Marat-Sade“, eine Prise Pirandello – das Ganze geschüttelt und gerührt: Fertig ist das würzige Gebräu – wahrlich ein Gesamtkunstwerk. Dazwischen immer wieder ein veritables Feuerwerk an special effects – das Publikum kam aus dem Staunen nicht heraus. Und bedankte sich mit immer wieder aufbrausendem, selten so oft gehörtem Szenenapplaus. Auch das rekordverdächtig.

 

Die Vorbühne als Meta-Ebene – das Regiekonzept klang zunächst mal in einer Besprechung der Lokalpresse sowie im hauseigenen Programm wenig ergiebig, eher abstrakt und dröge. In der Praxis funktioniert es aber glänzend, der Plan ging auf. Die Figuren, die „Mr Stoker“, wie er in wundervoll herablassendem gräfischen Ton mit balkanischem Einschlag vom Titelhelden angeredet wurde, geschaffen hatte, ließen ihn nicht los. Im Gegenteil, diese seine Geschöpfe machten sich auf erschreckende Weise selbstständig.

 

Und die Musik! Ja, die Musik. Dieser pulsierende Beat – very heavy metal – setzte sich einmal wieder als hervorragende Begleitung der Handlung durch. Ein besonderer Höhepunkt mit hohem Wiedererkennungswert: Der Knoblauch-Song – bildhaft unterstrichen durch das flächendeckende Bewerfen des Publikums mit entsprechenden Exemplaren der handlungsrelevanten Pflanze. Its raining garlic! Da hatten wirs schon wieder, das Gewürz.

 

Die Einzeldarstellerinnen waren hervorragend – allen voran Emely Pelka, die Graf Dracula gebieterisch, herrisch, unerbittlich gab – mit ungeheurer Bühnenpräsenz und fantastischer Stimme obendrein. Auch optisch geglückt – als steifer Dandy, Typ Lagerfeld. Dann Isabel Siewert, die den armen Autor Bram Stoker desto überzeugender verkörperte, je übler ihm seine undankbaren, aufsässigen, einstigen Hirngespinste mitspielten. Johanna Münstermann verlieh Renfield die nötige, irgendwie clevere Verrücktheit. Und Katharina Krückemeier überzeugte als „tierisches“ Faktotum Quasimir. (Da ließ u.a. Shakespeares Caliban grüßen).

 

Hervorragendes wurde aber auch von den Gruppen – Irre wie Vampire – geleistet und geboten. Allein und in der Zusammenwirkung. Das Ganze hatte einen Rhythmus, und zwar einen aufregend variablen: mal hektisches Treiben, mal Standbild – mal Zeitlupe, mal Zeitraffer. Eine kollektive Hochleistung. Bis ins letzte Detail fantasievoll choreographiert und perfekt inszeniert, so dass die einzelnen Mitglieder oft vor lauter Gruppenspiel nicht mehr als solche wahrgenommen wurden, sondern zu einem – unheimlichen – Wesen wurden. Mit das Schwierigste an der Schauspielkunst kann sein – wie jeder, der schon mal auf den Brettern gestanden hat, nur zu gut weiß –, wenn man als Teil der Menge (quasi Komparse) „nur“ stehen soll und muss, ohne sich zu bewegen und über einen längeren Zeitraum den gleichen Gesichtsausdruck, die gleiche Körperhaltung beibehalten muss. Selbst hier waren große Erfolge zu verzeichnen. Chapeau!

 

Auch einen Lehrerausflug gabs zu bestaunen. Eine Art multi-cameo performance. Ein gefundenes Fressen für die Schülerinnen im Publikum – ein Heimspiel mit einem Schuss Who’s Who? Auftritt die gehobene Gesellschaft aus der Glanzzeit des neunzehnten Jahrhunderts. Kostüm, Maske, Gestik, Körperhaltung – alles stimmte, alles wirkte total authentisch. Super gesungen haben sie auch. Wie überhaupt alle in dieser Produktion. Einen hohen Grad an musicality kann man wirklich allen Beteiligten bescheinigen.

 

Es war einfach alles extrem professionell – es gab keine einzige Panne, keinen einzigen Aussetzer, zumindest keinen bemerkbaren. Der ultimative Test: Nach der Aufführung – nein, schon in der Pause – guckte man sich die Bilder der Schülerinnen im Programm erneut an, diesmal aber schier ungläubig. Dass diese oder jene Person sich auf der Bühne so vollkommen unverkennbar verwandelt hatte – einfach unfassbar! Eine wahre Metamorphose. Now, that’s what I call acting. Congratulations, MUSICALity! Thanks for a terrific evenings entertainment!

 

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